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letzte Änderung:03.01.2011
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Pakistan - Die Zukunft heute?

Notiz zu: Ayesha Siddiqa, Military Inc. Inside Pakistanís Military Economy, London (Pluto Press) 2007

Die sich rasch ausbreitende Islamisierung auch des Alltags in Pakistan, klagt der international renomierte Physiker Pervez Hoodhboy, hätte dazu geführt, dass er heute vor anonym unter Burkas verhüllten Studentinnen seine Vorlesungen halte. Gleichzeitig scheinen sich die Zyklen brutaler Gewaltakte zu beschleunigen. Dabei ist die Aufmerksamkeit der internationalen Medien gegenüber Pakistan weitgehend auf Islamabad und Karatschi beschränkt, so dass nur ein kleiner Teil der alltäglichen politischen Gewalt überhaupt bekannt wird. Präsident Bush hat den Militärdiktator Musharraf nach dem 11.September zu einem engen Verbündeten im Krieg gegen den Terror erklärt und damit die seit der Staatsgründung im Jahre 1947 engen militärischen Verbindungen zwischen beiden Ländern fortgeschrieben, obwohl die als größtmögliche Bedrohung beschworene "islamistische Atombombe" nirgends so nahe ist, Wirklichkeit zu werden, wie in Pakistan. Zugleich scheint militanter Antiamerikanismus als gesellschaftlicher Konsens zu dominieren. Terrorismusfahnder geben sich überzeugt, dass Pakistan geradezu eine Brutstätte für islamistische Gewaltakteure ist.

Dabei sind in keinem Land vergleichbarer Bedeutung politische Institutionen so wenig entwickelt. Hinter institutionellen Fassaden eines modernen Staates bilden daher Korruption, Klientelismus und kriminelle Gewalt, aber lokal begrenzt auch traditionale Herrschaftsformen wesentliche Mechanismen gesellschaftlicher Regulierung. Boomende Inseln weltwirtschaftlich eingebundener Städte und Sektoren kontrastieren immer stärker mit Armut und Verelendung. Ein komplexes Nebeneinander moderner und vormoderner Lebensweisen und den sie verknüpfenden wirtschaftlichen Strukturen bedingt eine geringe Reichweite des Zentralstaates und weitgehende Autonomie in peripheren Regionen. Das außerordentliche Staatversagen manifestiert sich in der Unfähigkeit des Staates, Elementarschulen zu unterhalten und die hohe Analphabetenrate nicht weiter ansteigen zu lassen. Dies schafft Raum für islamistische Indoktrination von Kindern und Jugendlichen in sog. Madrassas. Zahlreiche Beobachter prognostizieren eine zunehmende 'Talibanisierung' Pakistans. Dies sind Gründe, weshalb politische Analysen, die üblicherweise die Distanz politischer Verhältnisse in einem Land zu Demokratie vermessen, bei Pakistan weitgehend ins Leere laufen.

Ein kurzer Blick auf die Geschichte dieses Staates macht deutlich, dass das Militär sich zur Wirbelsäule dieses Staatsgebildes entwickelt hat. Hierzu hat Ayesha Siddiqa jetzt unter dem Titel 'Military Inc. Inside Pakistanís Military Economy'(Pluto Press 2007) eine sorgfältig recherchierte Studie über die korporative wirtschaftliche Verselbständigung der Streitkräfte im dynamischen Chaos von Wirtschaft und Gesellschaft dieses Landes vorgelegt.

Aber zunächst ein Stenogramm der sechzigjährigen Geschichte dieses vom Militär geprägten Staates. Die Eliten in Britisch-Indien, einem willkürlichem kolonialem Territorium mit hunderten verschiedener ethnischer und religiöser Identitäten, haben in einem langen Kampf unter Führung einer modernen säkularen Partei die Unabhängigkeit im Jahre 1947 erstritten. Erst in der allerletzten Phase dieses Kampfes kam es zur Abspaltung Pakistans als Staat mit muslimischer Identität, aufgeteilt auf zwei Territorien. Die Auseinandersetzung um die bis heute nicht entschiedene Zugehörigkeit des Königreichs Kashmir hat bereits in der Gründungsphase zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan geführt. Dadurch rückte das ausschließlich aus Muslimen rekrutierte Militär unmittelbar in das Zentrum dieser religös begründeten Staatsbildung und personifiziert die Staatsidee, ähnlich wie in Israel, verstärkt durch mehrere Kriege mit Indien. Selbst die wiederholten Niederlagen in Kriegen mit Indien und die Abspaltung Bangladeschs haben die Rolle der Streitkräfte nicht geschwächt. Im Gegenteil, fehlende politische Institutionen vor dem Hintergrund der religiösen Begründung des Staates führten wiederholt zu langen Perioden militärischer Machtausübung, während derer das Land geostrategische Interessen der USA jeweils bedient hat und so Zugang zu umfänglichen Militär- und Finanzhilfen erlangte. Eine massive Abhängigkeit von den USA konnte durch enge, gegen Indien gerichtete Zusammenarbeit mit China vermieden werden, z.B. beim Aufbau einer Rüstungsindustrie einschließlich der Fertigung von Raketen und Atomwaffen. Um im Rüstungswettlauf mit dem größeren Indien zu bestehen, wurde hochqualifiziertes pakistanisches Militärpersonal über Jahrzehnte an Saudi Arabien und die Emirate vermietet. Diese enge Verbindung mit dem Wahabismus in Saudi Arabien dürfte die islamistischen Strömungen innerhalb der Streitkräfte verstärkt haben. Die jeweiligen Militärdiktatoren versuchten mittels Islamisierung des öffentlichen Lebens, sich fehlende Legitimität zu verschaffen. Autonomiebestrebungen ethnischer Gruppen an den Grenzen stellen das Militär bis heute vor weitere militärisch nicht lösbare Aufgaben. Schließlich hat das pakistanische Militär von der ersten Stunde an, strategische Ziele immer unter Einsatz nicht-staatlicher bewaffneter Gruppen verfolgt, was sich institutionell in der außerordentlichen politischen Bedeutung des Geheimdienstes ISI in der Politikgestaltung innen wie außen niederschlägt.

Vor diesem Hintergrund ist Siddiqas Analyse der Geschäfte, in die das korporative Geflecht des pakistanischen Offizierskorps, sie spricht von militärischer Brüderschaft, involviert ist, ein mutiges Buch. Zugleich ist es aber auch ein Hinweis darauf, dass es eine auf politische Veränderung drängende zivile Elite gibt, aus deren Mitte die Autorin diesen Mut aufbringt. Dass das Militär, zumeist das Offierskorps, in wirtschaftliche Aktivitäten verwickelt ist, die sie sich aufgrund ihrer Machtposition angeeignet haben, ist keineswegs auf Pakistan beschränkt. Aber wie ihre Untersuchung erstmals beleuchtet hat, ist der Missbrauch der Machtposition zum wirtschaftlichen Vorteil der militärischen Elite in Pakistan besonders eklatant und verstärkt sich weiter. Das weitgehende Fehlen politischer Akteure, die nicht klientilistisch eingebunden oder anderweitig eingeschüchtert sind, erlaubt es dem Militär die dreiste ökonomische Bereicherung weitgehend zu verschleiern.

Siddiqa macht deutlich, dass die Einmischung des Militärs in Geschäfte der verschiedensten Art keineswegs ausschließlich dem Motiv der persönlichen Bereicherung zugeschrieben werden kann, obwohl es am Ende nicht selten darauf hinausläuft. Ein häufiger Grund ist das Bestreben des Militärs, sich gegen wirtschaftliche und politische Risiken von Budgetentscheidungen abzusichern, indem man hiervon unabhängige Finanzierungsquellen, wie direkten Zugriff auf Exportsteuern oder große Industriebeteiligungen, durchsetzt. Dies gilt in besonderem Maße für Pensionsfonds. Ein weiteres Feld wirtschaftlicher Betätigung bietet die allgegenwärtige Privatisierung von Sicherheit, die für Militärs große unternehmerische Chancen bietet. Es entsteht in weitgehender Abwesenheit eines rechtsstaatlich regulierten Marktes eine Dynamik weiterer Expansion der Geschäftsfelder, zunehmend mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung unter Ausnutzung der institutionellen Machtposition, deren Gewicht mit der Schwäche politischer Institutionen in einem Land zunimmt.

Derartige überwiegend illegale Kapitalbildung durch Angehörige des Offizierskorps hat schwerwiegende Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und die Professionalität des Militärs insgesamt. Angesichts der Machtposition des Militärs in Ländern wie Pakistan finden sich immer finanziell potente zivile Partner, auch ausländische, die gemeinsame Sache mit dem militärischen Einfluss machen und so illegale Übernahmen in der Wirtschaft beschleunigen.

Spätestens seit 1977 ist das Militär darauf aus, sich als eine unabhängige professionelle und soziale Klasse zu etablieren, die in der Lage ist, wie andere dominante Klassen in der Gesellschaft ihre Interessen zu vertreten und zugleich die Schritte auf diesem Wege systematisch zu verschleiern.

Die aktuell bedeutendste Pfründe der Militärs ist der Immobiliensektor an den Rändern der urbanen Wohlstandsinseln Pakistans, wo man auf die englische Tradition, Offizieren Land zuzuteilen, zurückgreift und potentielles Bauland zugunsten von Angehörigen des Offizierskorps enteignet, die dort später als Bauträger Immobilien für die wachsende Mittelschicht zu vermarkten. Die Vielfalt der wirtschaftlichen Aktivitäten mit militärischer Beteilung zu schildern, würde den Rahmen dieses Hinweises auf Siddiqas Studie übersteigen.

Wichtig jedoch ist die Schlussfolgerung der Autorin. Die militärisch kontrollierten wirtschaftlichen Aktivitäten verursachen hohe politische und soziale Kosten und nähren die Machtgelüste des Militärs. Sie schwächen die Rolle des Militärs als neutraler Schlichter bei Konflikten und verstärken die Entfremdung der Unterprivilegierten, der Enteigneten und der Armen. Siddiqa fragt am Ende, ob es sich um einen zufälligen Zusammenhang handelt, dass religiöser Konservativismus in Pakistan, in der Türkei und in Indonesien auf dem Vormarsch ist. Denn in diesen drei Ländern haben die Militärs ihre Machtposition legal und illegal erweitert und kontrollieren wichtige Bereiche der Wirtschaft.

Intolerante und aggressive religiöse Ideologien fassen dort Fuß, wo das Vertrauen in politische Institutionen als Möglichkeit, soziale Polarisierung und Diskriminierung zu überwinden und seine Identität zu leben, verschwunden ist. Ihr totalitäres Weltbild erscheint als einzig möglicher Gegenentwurf zu der exogenen globalen Bereicherung in der neoliberalen Weltwirtschaft, die sich in den jeweiligen urbanen Wachstumspolen manifestiert. In Pakistan wird diese aggressive Radikalisierung als voranschreitende Talibanisierung wahrgenommen. Dies zwingt den Westen, politisch produktive Antworten zu finden, wie man die Menschen aus der islamistischen Sackgasse herausführen und ein Miteinander ohne Gewalt organisieren kann. Denn würde diese islamistische Utopie in der realen Welt obsiegen, so würde es sich unmittelbar zeigen, dass sie als Grundlage für eine reproduktionsfähige soziale Ordnung nicht taugt.

Der deklarierte Krieg gegen den Terror wird als Bestätigung der totalitären islamistischen Utopie wahrgenommen und bestärkt die Gläubigen in ihrer Militanz. Dennoch fordert selbst die liberale Carnegie-Stiftung in ihrer jüngsten Studie zu westlichen Strategien gegenüber Pakistan, dass die Taliban militärisch besiegt werden müssten, um die Flut des internationalen Terrorismus einzudämmen. Angesichts der sich verschärfenden Entfremdung der Unterprivilegierten als Folge der Politik, den Konflikt mit militärischen Mitteln zu lösen, stellt sich die Frage, ob man den unterstellten Gegner nicht in dem Maße stärkt, in dem man ihn mit untauglichen Mitteln militärisch auszuschalten versucht. Ist es vielmehr nicht alternativlos, mit allen Mitteln anzustreben, religiöse Formationen à la Taliban politikfähig zu machen und ihren in der absoluten Konfrontation destruktiven Charakter zu verändern?

Leider sind die strukturellen Faktoren, die dem diffusen Gewaltszenario Pakistans, in dem nicht einmal mehr die politische Absicht terroristischer Gewalt immer eindeutig erkennbar ist, keineswegs einzigartig. Wirtschaftswachstum, Ausschluss und Verelendung verbunden mit einer fortwährenden Schwächung des Staates und politischer Institutionen sind verbreitete Erscheinungen. Das Vakuum füllen konfrontative Identitätsideologien mit Absolutheitsanspruch. Anders ausgedrückt, kann man heute in Pakistan besichtigen, wohin eine Reihe weiterer Länder driften?

Hamburg, 25. November 2007
Peter Lock